FAZ: "Offene Kirchentüren für Kremlfreunde"
Tatort: Braunschweig
Im Sonderangebot (online) kann aktuell die FAZ für 99 Cent ganze vier Wochen lang gelesen werden. Auf diese Weise erhält man unter anderem Zugriff zum Volltext eines Artikels mit dem Titel „Offene Kirchentüren für Kremlfreunde“ (FAZ, 24.04. 2024)
https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/die-kirchentueren-in-braunschweig-stehen-kreml-freunden-weit-offen-accg-200761792.html
Damit der geneigte Leser auch versteht, worum es geht, lieferte der Verfasser Reinhard Bingener, Hannover, den folgenden Einstieg: „Wer sich in der Überzeugung bestärken lassen möchte, dass Wladimir Putin prinzipiell ein friedliebender Mann ist, der aber von den Kriegstreibern im Nato-Hauptquartier so fies eingekreist wurde, dass er sich kaum anders zu helfen wusste, als mit einer militärischen Spezialoperation gegen die korrupte Ukraine, solle nach Braunschweig fahren.“
Dort fänden Veranstaltungen statt, die exakt auf „dieser Linie“ liegen.
In Braunschweig, so der Autor, tummeln sich die “Kreml-Freunde“, die „Putin-Versteher“, die „Wagenknecht und Co.“ (Untertitel). In den Kirchen der Stadt. Zu den „prominenteren“ Anderen nebst Wagenknecht zählte er: Sevim Dagdelen (die sich anscheinend für etwas bei Russland und China bedankte, wofür blieb unklar), Daniela Dahn, (General) Harald Kujat, Brigadegeneral Vad, Gabriele Krone-Schmalz, Petra Erler und Günter Verheugen. Der wurde als „Erlers Partner“ eingeführt (7. Mai 2026, Braunschweig).
In Braunschweig gebe es ein „Moskau-freundliches“ Programm, warnte Bingener. Sein Rundumschlag traf auch einen IG-Metaller (Wolfgang Müller), der über eine China-Reise referierte sowie Michael Lüders, dem offenbar bestimmte Gruppen „antisemitische Stereotype“ vorwarfen. Die Nachdenkseiten („gelten“ als verschwörungstheoretisch, vgl. Wikipedia) und die Junge Welt („linksextremistisch“ - hier verwendete der Autor die Erkenntnisse des Bundesverfassungsschutzes) - kriegten auch ihr Fett weg. Und selbstverständlich alle, die diese vermaledeiten „Kreml-Freunde“ eingeladen hatten.
Das ist das leidige „Hammer“-Problem. (Wer nur einen Hammer zur Hand hat, sieht in jedem Problem nur einen Nagel.) Diesmal in Gestalt einer Provinzposse.
Till Eulenspiegel, an den ein sehr schöner Brunnen in Braunschweig erinnert, wurde zur historischen Figur, weil er anderen mit Raffinesse den Spiegel vorhielt.
Besagter FAZ-Autor bewies ein eher schlichteres Gemüt. Er bespiegelte sich selbst und setzte die russische Verbrämung des völkerrechtswidrigen Angriffskrieges noch nicht einmal in Anführungszeichen. Man kann auch getrost davon ausgehen, dass der Intelligenzquotient aller als „Putin-Versteher“ usw. Diffamierten über dem eines Steins liegt. Zu behaupten, die Nato-Kriegstreiber in Brüssel hätten Putin eingekreist (oder etwas auf „dieser Linie“), käme einem garnicht in den Sinn.
Nun gut, es ist ein Bild, über das man sich durchaus amüsieren kann.
Bei Vad erinnerte der Autor mit einer gewissen Häme an dessen Aussage zu Kriegsbeginn, dass die Sache „militärisch gelaufen“ sei. Wie inzwischen klar ist, dachte das auch das Weiße Haus. Simon Schuster von TIME hat es mittlerweile aufgeschrieben. Man muss es nur zur Kenntnis nehmen.
https://time.com/7207661/bidens-ukraine-win-zelensky-loss/
Soweit ich mich erinnere, sagte der Kreml damals überhaupt nichts über eigene Zeitpläne. Der setzte 2022 zunächst auf den Schock, aber auch auf Verhandlungen. Aber das ist eine andere Geschichte.
Alles in allem blieb der Autor gänzlich den Beweis schuldig, dass die von ihm so flott als „Putin-Versteher“ und so weiter… Abgewatschten die ihnen zugeschriebenen Überzeugungen tatsächlich haben und einer allzu willigen Gemeinde (in dem Fall Braunschweig) predigen.
Was bleibt, ist der richtende Blick, den er sich selbst zusprach.
Darf man mehr verlangen?
Definitiv entsprach der Artikel in keiner Weise dem Selbstbild der FAZ, das sich wie folgt liest:
„An Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur interessierte Bürger versorgt sie mit ver- lässlichen Nachrichten, fundierten Analysen und durchdachten Kommentaren. Vom ersten Tag an ist sie den Grundsätzen und Werten ihrer Gründer verpflichtet: für die Freiheit des Einzelnen in einer offenen Gesellschaft einzustehen, das freie Denken zu fördern und immer wieder zum Nachdenken anzuregen. Denn Freiheit beginnt im Kopf!“
Genau, Freiheit beginn im Kopf. Sofern man ihn zum Denken und Nachdenken benutzt. Und tatsächlich dafür einsteht, was die FAZ von sich behauptet.
Ich bin mir recht sicher, Bingener, der in Hannover sein Büro hat, nahm nicht an der Veranstaltung in der Magni-Kirche in Braunschweig teil, als ich dort zu Gast sein durfte. Das war 2025.
Reichte das Budget nicht dafür? Reicht Hörensagen? Oder sind wilde Diffamierungen nur eine subtile Form der Leserbindung bei der FAZ? Immerhin wird sie von „Entscheidungsträgern“ gelesen (laut KI). Und die sind so, wie viele andere auch: Man hört und liest am liebsten, was man selber glaubt oder vermutet. Da ist nicht viel Toleranz im Meinungsspektrum. Intoleranz nimmt anscheinend sogar offenbar mit dem Bildungsgrad zu.
Beim Nachdenken darüber, und insofern war besagter Schmäh-Artikel schließlich doch ein bisschen inspirierend, erinnerte ich mich schließlich an das Remake von „Die Körperfresser kommen“ (1978.) Genauer gesagt an die finale Szene - den gruseligen Schrei des Donald Sutherland.
Ich werde definitiv nicht einschlafen. Mögen die Hunde bellen.

Nichts Neues von der FAZ, könnte man sagen und mit den Achseln zucken. Nur: Die FAZ ist eben (wie der ÖRR) meinungsbildend. Offizieller Mainstream.
Ich erinnere an den früheren, ermordeten deutschen Außenminidtet Walther Rathenau: "Nur vergleichende Urteile haben einen Wahrheitsgehalt." Erstaunlich hingegen: "Neue Töne bei der NZZ", schreibt dir heutige schweizerische Weltwoche. Denn NZZ-Chefredakteur Eric Gujer wirft Deutschland vor, vor dem "ukrainischen Staatdterrorisnus" zu kuschen. Völlig falsch?
Liebe Frau Erler,
zu Ihrer Unterstützung: bei einem auf lächerliche 99 Cent krass reduzierten Beitrag zur Freischaltung aller Artikel in der FAZ kann man getrost davon ausgehen, dass nicht nur der besagte Artikel, sondern das ganze Blatt dem Ramsch zuzuordnen ist. Das ist aber nicht nur für die aktuellen 4 Wochen, sondern schon seit Jahren der Fall. Mit den besten und ich lese Sie regelmäßig!