Das Imperium missbraucht. Seine Knechte schweigen. Die Zeche zahlen die Völker
Zur Ukraine-Politik der USA, dem Versagen der EU und einer Welt zwischen Krieg und Frieden
„Wenn ich eine Revolution anstrebe, so mag sie für den bestehenden Staat eine ungesetzliche Aktion sein. Gelingt sie mir, so ist sie Tatsache und damit legal und gesetzlich geworden.“
Hermann Göring während des Nürnberger Kriegsverbrecherprozesses.
Später sprach Göring darüber, wie die Faschisten die Medien unter Kontrolle brachten, die Opposition mundtot machten. Salim Samatou, der „Comedian“, der kürzlich bei ungescripted; by Ben zu Gast war ( 1,7 Millionen Aufrufe“), rief mir diese entlarvenden Aussagen wieder in Erinnerung. Nazi-Verbrecher redeten sich in Nürnberg, den Tod vor Augen, fast ausnahmslos selbst um Kopf und Kragen.
Ihnen genau zuzuhören, macht das Grauen jener Zeit fassbarer. “Nie wieder” wird konkret.
Hitler und seine Schergen waren weder die ersten, die verstanden, dass eine radikale Kontrolle des öffentlichen Bewusstseins eine Machtfrage ist, noch blieben sie die einzigen.
Der aufklärerische, demokratische Gegenentwurf dazu ist der „mündige Bürger“, sind die unveräußerlichen Rechte, die jeder Mensch hat, und selbstverständlich die Vorstellung von unabhängigen Medien, die „sagen was ist“, als vierte Gewalt im Staat. Das alles ist dazu gedacht, Macht einzuhegen, deren Tendenz zum Übergriffigen und Autoritären zu widerstehen und auf diese Weise die Demokratie zu schützen.
Am 10. Oktober 2025 war Folgendes in der kanadischen Presse zu lesen: „Die Maidan-Revolution hat es geschafft, den Präsidenten aus dem Amt zu jagen…“
Genauso war es: Ein legitimer Präsident wurde aus dem Amt gejagt. Der „Euro-Maidan“, die „Revolution der Würde“, so das damalige framing, hatte „gesiegt“. Man sage nicht, die Kritiker von Marx hätten ihn nicht gelesen. Marx hatte unter anderem empfohlen, “den versteinerten Verhältnissen ihre eigene Melodie vor(zu)spielen und sie so zum Tanzen (zu) bringen.“ (1/381)
https://jungle.world/artikel/1998/09/theodor-w-adorno-ueber-marx
Präsident Janukowitsch war zweifellos unbeliebt, bei vielen sogar verhasst. Aber das war nie die ganze Wahrheit.
So hörten sich damals ukrainische Maidan-Stimmen an: Selbst wenn der Präsident nicht für die Maidan-Toten verantwortlich ist, warum verhinderte er das Schlachten nicht, fragte eine.
https://www.wilsoncenter.org/publication/voices-during-the-maidan-captured-public-radio-ukraine
sowie
Denn auf dem Maidan war viel Blut geflossen. Die, die das maßgeblich in den Tagen zwischen dem 18. und dem 20 Februar 2014 verantworteten, waren in der Mehrheit keine Berkut-Schergen. Der „gewaltbereite“ Teil des Maidan hatte die Situation eskaliert, die „Drecksarbeit“ geleistet.
Genau das wollte die Mission von drei EU-Außenministern an sich verhindern. Zumindest dem deutschen Außenminister, Steinmeier, war klar, dass ohne eine friedliche Regelung der politischen Krise in der Ukraine das Land politisch vor dem Zerbrechen stand („vor einer Spaltung“).
https://www.welt.de/politik/ausland/article125094196/Ukraine-Der-diplomatische-Coup-des-Frank-Walter-Steinmeier.html
Ein Teil des Landes blickte nach Westen, ein Teil nach Osten. Die EU machte den fatalen Fehler, der Ukraine das Messer auf die Brust zu setzen: Mit uns oder gegen uns?
Janukowitsch, der sein Land in der EU verankern wollte, der mit der EU die Assoziierung verhandelte, aber gleichzeitig die Ukraine als neutralen Staat verteidigte, wurde zum „pro-russischen“ Janukowitsch erklärt, weil er aus innenpolitischen Gründen (die ukrainische Wirtschaft schwächelte, die Finanzlage war katastrophal) die Assoziierung mit der EU „auf Eis“ legen wollte und sich weigerte, sich einem Reform-Diktat des IWF zu unterwerfen. Die EU fand auch keine Unterstützungsangebote, die ihn aus der Bredouillie befreit hätten. So trat er schließlich den Gang nach Moskau an.
Als der ehemalige „Kommandant“ des Maidan, Andrij Parubij, der damals eng mit dem Rechten Sektor (Jarosch) kooperierte, in der Ukraine ermordet wurde, starb auch sein Wissen über die blutigen Vorgänge in Kiew.
Der ukrainischstämmige Kanadier Prof. Katschanowski hat diese wissenschaftlich aufgearbeitet und publiziert. Sein Befund: Dieses Blutbad ging zum Großteil auf das Konto des gewaltbereiten Teil des Maidan. Katschanowskis Arbeit wird auch in Deutschland systematisch von den Massenmedien ignoriert.
Zum 10. Jahrestag des Maidan-Massakers erinnerte eine Tagesschau-Reportage des damaligen Korrespondenten in Moskau an die Kiewer „Tage des Grauens“.
https://www.tagesschau.de/ausland/europa/kiew-maidan-massaker-100.html
Sie sagte allerdings ihren Lesern nicht, welche Gebäude damals längst nicht mehr unter Regierungskontrolle waren, sondern in der Hand des Maidan. Darunter war auch das Hotel Ukraina. Von dort wurde auf Maidan-Demonstranten geschossen.
Was unter anderem in der Ukraine 2013/Anfang 2014 exekutiert wurde, ist nicht mit den friedlichen Revolutionen bzw. der Perestroika Ende der 80er Jahre vergleichbar. Die Erinnerung an diesen großen demokratischen Umbruch wird manipuliert.
Symbolisch drückte sich im Fall der Berliner Mauer eine Absage von breiten Teilen der Bevölkerung an eine„realsozialistische Diktatur“ aus. Die kannte im Fall der DDR weder Reise- noch Meinungsfreiheit. Kritiker wurden wie Feinde behandelt. Die Überwachung blühte. Diese Liste lässt sich fortsetzen.
In westlich unterstützten „regime change“-Operationen“ wird die Erinnerung an die große Umbruchszeit wachgerufen und gleichzeitig behauptet, die damalige Revolution sei „unvollendet“ geblieben. Tatsächlich geht es darum, den Protest der Straße (Unzufriedene, von der Lage im Land Enttäuschte, darunter auch sogenannte„Aktivisten“) dafür zu nutzen, um die „Richtigen“ an die Macht zu bringen, die anders - aufgrund der Mehrheitsverhältnisse in Parlamenten - dazu nicht fähig sind. Koste es, was es wolle.
Der Maidan kostete zunächst viele Menschenleben. Wobei betont werden muss, dass zweifelsfrei in Gerichtsverfahren in der Ukraine festgestellt wurde, dass weder die USA noch Russland für den Gewaltexzess des Maidan (sogenannte „himmlische Hundert“) verantwortlich waren.
Im Fall der Ukraine kostete der „regime-change“ den mehrfachen Bruch der ukrainischen Verfassung: zuerst durch das Parlament in Kiew, dann auf der Krim. In der Konsequenz führte er in die politische Spaltung des Landes. Er kostete Territorialverluste wegen der russischen Invasion und weitere Einschränkungen der Demokratie in der Ukraine, was sich mit dem Kriegsrecht ab 2022 nochmals verschlimmerte. Er kostete einen Bürgerkrieg, der zum Stellvertreterkrieg entartete, spätestens im Jahr 2022. Er kostet inzwischen Millionen Opfer: Vertriebene, Tote, Versehrte. Tendenz steigend.
Nichts davon ist inzwischen allein dem Konto Russlands zuzuschreiben.
Heute gilt es etwa als „russische Desinformation“, die Ereignisse in Kiew als „Staatsstreich/ Putsch“ zu beschreiben.
https://euvsdisinfo.eu/report/the-eu-supported-an-unconstitutional-coup-detat-in-ukraine-led-by-us/
Die Argumente der Kämpfer gegen „russische Desinformation“ sind allerdings mehr als dünn, womöglich von der Hoffnung getrieben, dass vor dem geistigen Auge von Lesern nur die wehenden Europafahnen des Maidan aufblitzen und nicht die realen Gewaltszenen und dass die Einzelheiten, wie es wirklich war, nicht mehr präsent sind.
Radio Free Europe schrieb damals zum Rauswurf von Janukowitsch, dass vielen nicht wohl dabei war, wie man Janukowitsch entthronte und ob legal vielleicht der gewählte Ministerpräsident hätte nachfolgen müssen. Aber wenn der Westen nichts sagt? Weil er hat, was er will? Wenn sich nur Russland beschwert? Radio Free Europe hielt auch die Reaktion des damaligen polnischen Außenministers Sikorski fest, der auch heute wieder Außenminister ist: Nein, das was in Kiew geschah, war kein Staatsstreich, alles war legal.
https://www.rferl.org/a/was-yanukovychs-ouster-constitutional/25274346.html
Das glaubte noch nicht einmal der spätere Präsident Poroschenko, der später das Verfassungsgericht prüfen ließ, dass es beim Rauswurf von Janukowitsch nicht rechtens zugegangen sei, aus Sorge, ihm könne womöglich das Gleiche passieren.
https://en.interfax.com.ua/news/general/273340.html
Aus gegebenem Anlass sei daran erinnert, dass die EU auch im Fall des Venezolaners Guaido so verfuhr. Dieser bewarb sich zwar nie als Präsident, wurde aber - aus politischen Gründen - von 60 Staaten als „Interims-Präsident“ anerkannt. Es steht sogar im englischen Wikipedia so drin („venezualian political crisis“).
Erst 2021 musste die EU diese Anerkennung zurücknehmen.
Nun bekam die Oppositionsführerin in Venezuela den Friedensnobelpreis, nominiert durch die Trump-Administration. Das Wichtigste dazu sagte Glenn Greenwald in einem längeren Beitrag, ab Minute 15 sehr deutlich:
Denn die nunmehr hoch Geehrte setzt selbstverständlich auf die Trump-Administration, damit die ihr nun hilft, an die Macht zu kommen. Venezuela, das Land mit dem Ölreichtum, gehört wegen der Monroe-Doktrin zum „Hinterhof“ der USA, also zu deren Einflusszone. Gleichzeitig gehört es zu den BRICS.
Als die EU 2012 für die Erweiterung den Friedensnobelpreis bekam, weil diese Erweiterungen noch nicht zum geostrategischen Instrument verkommen waren, war der Preis vielleicht noch etwas wert. 2025 scheint er eher die Tür aufzumachen für die seit langem geplante, aber bisher noch nicht geglückte „regime change“-Operation in Venezuela. John Bolton bedauerte das 2022 öffentlich.
https://www.independent.co.uk/news/world/americas/us-politics/john-bolton-trump-maduro-regime-venezuela-b2072370.html
Jetzt wird Venezuela zum gefährlichen Herkunftsort von Drogen stilisiert, weswegen auch schon mal ein Fischerboot vom US-Militär versenkt wird, gegen alles Recht und Gesetz. „Drecksarbeit“ eben.
Aber noch einmal zurück zur EU und der Ukraine. Im Mai 2025 belegte die EU den ehemaligen Oppositionspolitiker und „Pro-Russen“ Medwedtschuk (Putin ist der Pate seiner Tochter) mit Sanktionen. Der gehörte zu den Oligarchen in der Ukraine, die ein Medienimperium aufbauten und Macht ausüben. Gleichzeitig war er Co-Vorsitzender der größten „pro-russischen“ Oppositionspartei. Also ein typischer Vertreter der in der Ukraine grassierenden Oligarchenherrschaft, nur mit den „falschen” Ansichten.
Daher, und das beschreibt ein Artikel des Politikwissenschaftlers Serhii Schapowalow im Rahmen des Projekts „Ukraine verstehen“ (Zentrum für Liberale Moderne) sehr schön, wurde sein Medienimperium Anfang Februar 2021 in der Ukraine sanktioniert.
https://ukraineverstehen.de/shapovalov_sanktionen-gegen-prorussische-fernsehsender-der-oppositionsplattform-blockierte/
Es ging um drei Fernsehsender und deren YouTube-Kanäle. Als Gründe für deren Verbot wurden die Verbreitung „pro-russischer Propaganda“, von Hassrede und die Unterstützung der russischen Aggression genannt. Der Artikel von Schapowalow ging auf öffentliche Reaktionen, die damit verbundene Einschränkung der Meinungsfreiheit und auf den Zusammenhang zwischen Fernseh-Konsum und politischer Orientierung in der Ukraine ein. Verbote und Pressezensur, so der Autor, werden öffentlich eher nicht goutiert. Schon das Verbot russischer Filme im Jahr 2016 wurde durch eine Mehrheit abgelehnt. Ende 2020 ergaben Umfragen, dass die „pro-russische“ Oppositionspartei leicht vor der „Partei des Volkes“ lag, die den ukrainischen Präsidenten unterstützt. Die Zustimmungsraten waren besonders hoch in der Altersgruppe ab 44, aber auch regional differenziert. Wenn man nun die Fernseh-Kanäle abschaltet, so die Hoffnung, werden die Ukrainerinnen und Ukrainer nicht mehr mit russischer Propaganda geflutet und so ein differenzierteres Ukraine-Bild erhalten. An der Begründung für den Erlass der Sanktionen mäkelte der Autor ein bisschen herum. Aber immerhin ginge es um „Informationssicherheitspolitik“.
Schapowalow beschäftigte sich auch mit der Frage, ob die schärfere Gangart von Selenskyj etwas zu tun haben könnte mit der US-Politik unter Biden:
„Die Ereignisse um Wiktor Medwedtschuks Sender scheinen auch mit den Veränderungen in der US-Politik verbunden zu sein. Die Biden-Administration nimmt eine ganz strikte Position ein, wenn es um die Verteidigung der nationalen Interessen der Ukraine geht, unter anderem gegenüber Russland. Wahrscheinlich war das auch der Impuls für eine Verschärfung der Informationssicherheitspolitik sowie für die stärkere prowestliche Rhetorik des Präsidenten.
Schapowalow beendete damals seinen Artikel mit der Hoffnung, der Einfluss der Oligarchen auf die ukrainische Politik werde zurückgedrängt. Der Einfluss der USA schien ihm kein Problem.
Schon im Vorfeld des Putsches in Kiew hatte das Telefonat vom 7.2. 2014 zwischen Victoria Nuland und ihrem Kollegen Pyatt, dem US-Botschafter in der Ukraine, deutlich gezeigt, wer in Kiew die Strippen zog („Fuck the EU“). Das blieb auch so.
Ein erst jetzt bekannt gewordener CIA-Bericht beschäftigte sich mit den ukrainischen Erwartungen und Reaktionen auf eine Reise des damaligen US-Vize-Präsidenten Joe Biden nach Kiew im Dezember 2015. Die Ukrainer hatten demnach damit gerechnet, dass Biden mit ihnen „Personalfragen“ besprechen und sich für oder gegen bestimmte Personalien aussprechen werde. (Anm.: Es ging um Generalstaatsanwalt Schokin, denn vor dem Biden-Besuch hatte Außenminister Kerry dazu mit Poroschenko telefoniert). Aber dann sprach Biden „nur“ vor der Rada und prangerte unter anderem die Korruption in der Ukraine an. Das wiederum nahmen die Ukrainer als Zeichen für US-Doppelstandards (Anmerkung: Zu dem Zeitpunkt hatte Hunter, der Sohn von Biden, bereits einen gut dotierten Posten im Unternehmen Burisma inne, gegen das Schokin damals eine Untersuchung führte).
https://www.cia.gov/static/Ukraine_Redacted_Final.pdf
Erst später, im Februar 2016, intervenierte Biden tatsächlich und sorgte für die Absetzung Schokins.
Diese Geschichte war immer aus drei Gründen politisch interessant. Schokin war laut Poroschenko (gegenüber Kerry) nie korrupt und auch bei Frankreich und Deutschland angesehen. Dennoch stellte sich niemand schützend vor diesen Mann, wegen den USA. Die EU tolerierten, dass die USA sogar Personalentscheidungen in der Ukraine traf.
Zweitens prahlte Biden öffentlich mit der ganzen Sache, aber erzählte die Geschichte so, als hätte er im Dezember 2015 in Kiew den Ukrainern mit dem Entzug von einer Milliarde US-Unterstützung gedroht, wenn sie Schokin, diesen „son of a bitch“ nicht rausschmeißen. Er würde nicht eher abfliegen.
Da dies nach US-Recht eine strafbare Handlung gewesen wäre, wurden die US-Republikaner wach und entfalteten immenses Interesse an den Tätigkeiten des Hunter Biden in der Ukraine.
Es war recht schnell klar, dass Joe Biden den Verlauf seiner politischen Einmischung in der Ukraine falsch beschrieben hatte. Was stimmte: Schokin sollte gehen, galt nunmehr als korrupt. Poroschenko kuschte. Biden suchte Schokins Nachfolger aus.
2019 scheiterte Schokin vor Gericht mit dem Ansinnen, in sein Amt zurückkehren zu können.
Drittens wurde ein von Hunter Biden zur Reparatur gegebener und dann vergessener Laptop fälschlicherweise von prominenten Ex-Geheimdienstlern zu „russischer Desinformation“ erklärt. Die Verbreitung von Berichten darüber wurde daher zensiert. Das wiederum beeinflusste womöglich den Ausgang der US-Wahl 2020. Wie auch immer, Biden kam an die Macht.
Heute behauptet Trump, hätte er damals weiterregiert, wäre es nicht zum Kriegsausbruch in der Ukraine gekommen. In seiner ersten Amtszeit hat Trump keinen neuen Krieg begonnen und zumindest Versuche gestartet; die USA aus Kriegen herauszulösen. Gleichzeitig verschlechterte sich allerdings unter Trump das Verhältnis zu Russland immer weiter. Ein Grund dafür war, dass Trump sich ständig mit den Vorwürfen zu „Russiagate“ auseinanderzusetzen hatte, (Anmerkung: inzwischen als politischer Plot weitgehend entlarvt, nur nicht in den Medien kommuniziert), ein anderer, dass Trump immer sehr viel weniger frei war/ist in seinen Handlungen, als er nach außen vorgibt.
Anders als er seinen Wählern 2024 versprach, gelang es Trump nicht, den Krieg in der Ukraine schnell zu beenden. Trump löste die USA nicht aus dem Krieg in der Ukraine heraus. Er will sich zwar aus diesem Krieg befreien, nur weiss er nicht, wie er das ohne Gesichtsverlust und ohne offene Brüskierung der Neokonservativen anstellen soll. So sind die USA in diesen Stellvertreterkrieg nach wie vor tief involviert: Gezielte Abschüsse durch die ukrainische Seite bedürfen des know-hows der Nato, allen voran der USA. Die Planung der ukrainischen Kriegsführung liegt in den Händen der Nato. Jüngst schrieb die Financial Times, dass die USA seit Monaten den gezielten Beschuss russischer Energieanlagen steuere.
https://www.ft.com/content/f9f42c10-3a30-4ee1-aff7-3368dd831c8c
Faktisch scheint also die Grenze zwischen reiner „Unterstützung“ der Ukraine und direkter Kriegsbeteiligung längst durchbrochen.
Um das zu verschleiern, wird die „hybride“ Bedrohung, die von Russland ausgehe, inzwischen immer hysterischer diskutiert: „Wir stehen schon heute im Feuer, warnte der Chef des BND.
Jederzeit könne die heiße Konfrontation (sprich Krieg) kommen.
In dieser Erzählung ist Russland nicht nur die Kriegsmacht gegen die Ukraine, sondern allgegenwärtig in der EU und umfassend damit beschäftigt, die EU und ihre Mitgliedstaaten zu unterwandern, zu schwächen, zu demoralisieren und und und. Die Nato ihrerseits trägt in dieser Erzählung eine blütenweiße Weste. Die macht nur Gutes.
https://www.merkur.de/politik/methodenmix-geheimdienst-klaert-bundestag-ueber-russland-gefahr-auf-und-entlarvt-putins-zr-93983153.html
Demnächst, im Kampf um Taiwan, so ein Orakel des Nato-Generalsekretärs, werde Russland von China den Befehl erhalten, die europäischen Nato-Verbündeten der USA anzugreifen. Um diese „beschäftigt zu halten“.
Den USA wiederum erklärt der Nato-Generalsekretär mittels Interview in der New York Times im Juli 2025, dass das ultimative Ziel der militärischen Aggression Russlands die USA seien. Die Ukraine und die europäischen Verbündeten sind in dem Bild die erste und die zweite „Verteidigungslinie“ der USA. Hinzu kommen die Arktis und der Atlantik.
Die New York Times erklärte im übrigen noch vor dem Interview, warum Rutte das alles so erzählt: Um die USA in der Nato zu halten, weil Trump so „Nato-skeptisch“ sei.
https://www.nytimes.com/2025/07/05/magazine/mark-rutte-interview.html
Gleichzeitig wird aber auch erzählt, dass Russland nur ein „Papiertiger“ ist, nur ein kleines schwaches Land, das sich längst übernommen hat. Mit ein paar wirtschaftlichen Sanktionsrunden mehr, womöglich auch durch eine Schließung der Ostseeroute für russische Schiffe und mit dem Einsatz einer neuen „Wunderwaffe“, den Tomahawks, wird es schon klappen mit dem Sieg über Russland. Völlig Verblendete, wie der ehemalige britische Verteidigungsminister Wallace träumen gar davon, die Krim „unbewohnbar“ zu machen, unbrauchbar aus russischer Sicht.
Auf diese Weise geht der Krieg immer weiter. Das gefährliche Katze-und-Maus-Spiel dreht immer neue eskalatorische Runden: Beißt der russische „Papiertiger“ zurück oder blufft er nur?
Wo ist die Schere, um ihn zu zerschnippeln?
Bisher ging die russische Rechnung aufgrund von Nato-Entscheidungen immer an die Ukraine. Russland liefert keinen Anlass, der in eine direkte militärische Konfrontation Russland-Nato führt. Im Gegenteil, wieder und wieder wird politisch dementiert, dass Russland einen Angriff auf die Nato plane. Also wird alles „hybrid“.
Nun geht es um die Lieferung von Tomahawks, einer Mittelstreckenwaffe. Trump räumte ein, dass die Lieferung von Tomahawks ein „neuer Schritt der Aggression“ sei.
Nur einer, der sich als Kriegsteilnehmer sieht, redet so. Die Tomahawks sind nuklear bestückbar. Gäbe es den INF-Vertrag noch, wären sie verboten.
Trump droht Russland, aber gleichzeitig zögert er auch. Noch. Bisher waren Russland und die USA schlau genug, eine direkte militärische Konfrontation zu vermeiden. Die überlebt die Welt nicht.
Das weiß auch Trump. Er hofft darauf, dass der russische Präsident vor der Gefahr, die Tomahawks repräsentieren, einknicken wird. (Auch nur ein gelungener Einschlag wäre womöglich einer zuviel.)
Der russische Präsident hofft darauf, dass Trump keine direkte Konfrontation zur Realität werden lässt. (Ich wiederhole: Auch nur ein gelungener Einschlag wäre womöglich einer Zuviel.)
So, mit allem Leben zu spielen ist völlig verantwortungslos. Das muss man auch den deutschen Warnern vor einer heißen Konfrontation (mit Russland) immer wieder ins Stammbuch schreiben. Frieden wäre möglich gewesen 2022. Effektiv wurde die Ukraine von den USA und ihren Alliierten im April 2022 daran gehindert, mit Russland einen verhandelten Frieden zu finden. Damals stand ein verhandelter Frieden nicht auf der Agenda des Westens. So ist es bis heute geblieben. Nur der Albtraum, den zuallererst die Ukrainer erleiden, wird immer schlimmer.
Heute sind nicht überbordende Warnungen, heute ist Handeln gefragt. Nicht der Glaube an Abschreckung oder Aufrüstung kühlt einen Konflikt ab und löst ihn auf. Unverzüglich müssen diplomatische Schritte zur Konfliktentschärfung gegangen werden. Alles andere ist mehr als fahrlässig.
Max Planck formulierte einst: „Wenn Sie die Art und Weise ändern, wie Sie die Dinge betrachten, ändern sich die Dinge, die Sie betrachten.“
Aber in dem Teil des Universums, in dem Realitäten und Interessenausgleich eine Rolle spielen, sind die „willigen Koalitionäre“ leider noch nicht angekommen. In vielen EU-Ländern, auch in der Ukraine, gilt der Tomahawk als „Friedensbringer“. Die würden die russische Energieinfrastruktur kaputt machen. Dem habe Russland „nichts entgegenzusetzen“, stand in der ukrainischen Presse.
https://glavcom.ua/columns/vadymdenysenko/tomahavki-ne-zminjat-khid-vijni-ale-je-njuans-1083167.html#google_vignette
Selbst wenn man glaubt, dass der sich darin ausdrückende Hass und die Lust, zu zerstören, dem Krieg entsprang und verständlich ist, muss man weiterdenken - Wohin führt das? Wie soll das enden? Darauf geben die Kriegshasardeure gar keine Antwort, außer: “solange es eben dauert“, oder, „die Ukraine muss gewinnen“.
Es gibt einen Zusammenhang zwischen den schlechten Umfragewerten, die alle „willigen Koalitionäre“ haben und der anschwellenden Kriegsrhetorik. So gebärdet sich ein Streben danach, eine Mehrheit in bibbernde Angst und Hass auf den Feind zu versetzen, damit die sich dann um die politischen und medialen Eliten schart. Viel zu oft in der Geschichte ist es so gelaufen. Aber es gibt kaum Hinweise darauf, dass das diesmal auch so sein wird.
Zum Beispiel fehlen wichtige Umfragen zu bestimmten politischen Themen, wobei bei solcherlei Umfragen gilt: Man frage nur das, worauf man bereits die Antwort kennt und sicher ist, dass sie politisch in die gewünschte Richtung läuft.
Die Verschärfung des politischen und medialen Trommelfeuers über den „hybriden“ Aggressor Russland in Deutschland zeigt eher, dass der Kampf um die „Kriegsbereitschaft“ der Deutschen nicht gewonnen ist und nach meiner Prognose auch nicht gewinnbar ist.
Frieden und Freiheit sind zwei sehr mächtige menschliche Hoffnungen. Zudem haben beide das Grundgesetz auf ihrer Seite.

Was für ein Gespräch! Ich hab es genossen und mir auf die Platte gezogen, weil ich befürchtet habe, dass YT es sperren würde. Alleine, dass das nicht passiert ist, zeigt mir, dass wir schon weit sind und das stimmt mich froh.
Salim hat einen scharfen Verstand und versteht es, die wesentlichen Dinge auf den Punkt zu bringen. Und das in einer Sprache, die nicht seine Muttersprache ist. So, wie er Geschichte präsentiert, wäre es mein Lieblingsfach gewesen.
Ein sehr weiter Bogen gespannt über einem sehr weiten Feld! Ebenso fordernde wie interessante und empfehlenswerte Lektüre! Weiter so!