Auf Kriegsfuß mit der Wahrheit
oder Lehren aus dem Afghanistan-Krieg für den aktuellen Krieg um die Ukraine
“Are we losing this war? Absolutely no way. Can the enemy win it? Absolutely no way.”
(Zwei-Sterne-General Jeffrey Schloesser zum Afghanistan-Krieg in einem Pressegespräch 2008) https://www.globalsecurity.org/military/library/news/2008/09/mil-080905-dod01.htm
Unter dem Titel „Auf Kriegsfuß mit der Wahrheit“ publizierte die Washington Post im Dezember 2019 die Auswertung der sogenannten „Afghanistan-Papiere“, einer internen Bilanz der US-Regierung. Diese Veröffentlichung war in ihrer Bedeutung mit der Veröffentlichung der Pentagon-Papiere zum Vietnam-Krieg durchaus vergleichbar, und die Washington Post wies stolz darauf hin. Julian Assange zog diese Parallele gegenüber dem Guardian nach der Veröffentlichung der Afghanistan-Papiere durch Wikileaks.
Der lange Artikel der Washington Post begann mit einem vernichtenden Urteil: 18 Jahre lang sagten US-Politiker nicht die Wahrheit über den Krieg in Afghanistan. Sie machten rosige Ankündigungen, von denen sie wussten, dass sie falsch waren und verbargen die klaren Beweise, dass der Krieg nicht gewonnen werden könne.
(Im Original: „The Washington Post reveals that senior U.S. officials failed to tell the truth about the war in Afghanistan throughout the 18-year campaign, making rosy pronouncements they knew to be false and hiding unmistakable evidence the war had become unwinnable.“)
Wenn nötig, wurde alles auf`s politisch Gewünschte umgeschrieben, Statistiken gefälscht und der allgemeine Schlamassel hinter tönenden Worthülsen verborgen. Ganz in Verschwörermanier. Eine Strategie war nirgends zu erkennen.
Constanze Stelzenmüller schrieb über diesen Krieg im September 2021. Sie versuchte, ihm nachträglich einen Sinn zu verleihen. Er habe eine ganze Generation im Westen geprägt und Afghanistan verändert. Jetzt ginge es darum, Afghanen zu retten, aber „auch uns selbst.“
Stelzenmüller nannte auch Zahlen: Über 830.000 USA-Soldaten seien zu Einsätzen in Afghanistan abkommandiert worden. (Anmerkung: laut Washington Post-Artikel waren es „nur“ 775.000 US-Truppen, viele davon allerdings mehrfach). Die Anzahl der deutschen Soldaten bezifferte sie auf 150.000. Der Krieg kostete 160.000 afghanische Staatsbürger das Leben. Die westlichen Opfer bezifferte sie auf etwa 4.000. (Laut Washington Post 2019: 2.300 getötete US-Soldaten. Weitere 20.589 wurden verwundet.)
Dieser Krieg fraß allein 2 Billionen Dollar an US-Steuermitteln auf.
Die deutsche Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer erklärte am 24. August 2021, also nach dem überhasteten Abzug: “Afghanistan is also about our identity as a nation, a nation that wants to stand up for and do what is right.”
(Übersetzung: „Bei Afghanistan geht es auch um unsere Identität als Nation, eine Nation, die für das Richtige einstehen und das Richtige tun will.“)
https://www.bmvg.de/en/news/speech-on-the-occasion-of-neue-weltunordnung-5212562
Zum Zeitpunkt dieser Rede in Berlin war der große politische Betrug in den USA längst öffentlich gemacht worden. Er blieb jedoch folgenlos. Mittäter und Mitwisser der großen Afghanistan-Scharade in den USA fielen allenfalls die Karriereleiter weiter hinauf oder präsentierten sich in der Folge öffentlich ganz ungeniert als Insider/ Experten. Mark Milley wurde unter Biden zum Chef der Vereinigten Stäbe der US-Armee. Auch General Petraeus, der heute mit Einschätzungen zum Ukraine-Krieg glänzt, spielte in der Washington Post Veröffentlichung 2019 eine Rolle. Die US-Präsidenten Bush jr. und Obama selbstverständlich auch. Und viele andere, die nicht genannt wurden, all die Mitwisser, die Mitläufer.
Warum ich diese „alte Kamelle“ ausgrabe?
Erstens: Weil sich die Washington Post in einem dreijährigen juristischen Kampf den Zugang zu Regierungsunterlagen erstritt, die nicht öffentlich werden sollten. Sie pochte auf das US-Informationsfreiheitsgesetz, wonach der informierte Bürger das Herzstück einer lebendigen Demokratie ist.
https://www.foia.gov/
Ginge es nach den aktuellen Reformplänen der Koalition zum hiesigen Informationsfreiheitsgesetz, dann würden vergleichbare Auskunftsersuchen wie das der Washington Post künftig knallhart abgewiesen. Geht sie nichts an. Die Presse habe angeblich „andere Möglichkeiten“.
Bürgerinnen und Bürger sollen künftig ihr „berechtigtes“ Interesse dokumentieren. Ich wüsste nur zu gerne, wie das mit der demokratischen Norm in Einklang zu bringen ist, dass alle Staatsgewalt vom Volk ausgeht. Seit wann entscheidet die Exekutive, was ein „berechtigtes“ Anliegen Informationssuchender ist?
Das alles wurde im Koalitionsvertrag als Reform „mit einem Mehrwert für Bürgerinnen und Bürger und Verwaltung“ verkauft. Die Betonung heute liegt offenbar auf der Verwaltung und dem Schutz der dreckigen Wäsche, die die Macht befleckt, vor dem hellen Licht der Öffentlichkeit.
Der Bayrische Rundfunk berichtete über die versuchte Einschränkung der Informationsfreiheit in unserem Land.
Zweitens erinnert die damalige Enthüllung der Washington Post daran, dass über lange Jahre Politik und Medien erfolgreich der amerikanischen Öffentlichkeit in Sachen Afghanistan Sand in die Augen streuten. Sie taten es mit aktiver Unterstützung diesseits des Atlantik.
Skepsis gegenüber öffentlichen Verlautbarungen und eine Presse, die die Kulissen Potemkinscher Dörfer beiseite schiebt, ist daher eine zutiefst demokratische Pflicht.
Es ist ja nicht so, als sei der „Fall Afghanistan“ die erste und letzte Kriegslüge, mit der die Öffentlichkeit konfrontiert wurde bzw. wird.
Sind wir wirklich sicher, dass der Ukraine-Krieg so läuft, wie er gerade mehrheitlich erzählt, ja regelrecht wie ein Mantra heruntergebetet wird?
Nimmt man alle im Westen frei verfügbaren Informationen zusammen, dann kommt man zu einem ähnlichen Schluß wie die Washington-Post im Fall des Afghanistan-Kriegs: keine klare Strategie, keine Kriterien, was ein „Erfolg“ bedeuten würde, das Aufhäufen von immer neuen Ausgaben auf bereits bestehende. Obendrauf kommt das Ignorieren des menschlichen Preises.
Denn drittens zeigte die Washington Post-Recherche, dass in der internen Untersuchung der USA zum Afghanistan-Krieg die afghanischen Opfer gar keine Größe waren. 160.000 tote Menschen.
Auch die Wikileaks-Veröffentlichungen zur wahren Natur des Kriegs in Afghanistan sorgten nicht für breites Entsetzen. Möglich wurden diese Enthüllungen durch Chelsea Manning, die sich in der LGBTQ+ Gemeinschaft verortete (damals als trans). Zu einer Heldin der „Aufklärung“ ist sie weder innerhalb dieser gesellschaftlichen Gruppierung geschweige denn für die breite Öffentlichkeit geworden. Nur so konnte eine selbsterklärte Identifizierung anscheinend wichtiger werden als das konkrete mutige politische Handeln eines Menschen.
Mitleid mit Opfern gilt vor allem für die „eigene“ Sippe. Als der Papst zu Ostern über die „Globalisierung der Gleichgültigkeit“ sprach, versuchte er zwar, der Welt ins Gewissen zu reden, aber das scheint schon seit längeren so tief zu schlummern wie die Regentrude. Jedenfalls in westlichen Breiten.
Bezeichnend war die jüngste Berichterstattung zu den Trauerfeierlichkeiten im Iran. Es spricht Bände, dass der „Enthauptungsschlag“, der den obersten Geistlichen des Landes das Leben kostete, offenbar vielen als akzeptiertes Kriegsmittel erscheint. So eine Art „Drecksarbeit“, die jemand machen muss. Um die Erde vom Bösen zu säubern. Aber ganz vorn, vor der Sargpyramide im Rahmen der Zeremonie, war dieser kleine Sarg eines Kleinkinds von 14 Monaten platziert.
(ab Minute 1:20)
Wer sprach darüber, schickte Teddybären, Kerzen, Tränen?
Ein Baby mit “falscher” Verwandtschaft, ein „Kollateralschaden“?
In derartigen Momenten sieht man ganz klar, in welche Dunkelheit des Menschseins sich so viele verirren.
Viertens: Wie wir wissen, zog die Nato aus Afghanistan ab, im Hasenpanier. Und das bringt mich zur Frage, wohin wir abziehen wollen. Dann, wenn es zum Krieg mit Russland käme, der anscheinend als “gesetzt” gilt. Die USA könnten noch versuchen, sich auf die andere Seite des großen Teichs zu retten. Aber wir?
Nur, damit kein Missverständnis aufkommt: Russland hat keinen erklärten Willen, europäisches Nato-Territorium anzugreifen. Es hält sich an der Ukraine schadlos. Offenbar nach einem militärischen Plan und nicht aus Rage.
Wie täglichen Meldungen zu entnehmen ist, schlägt Russland immer härter und erbitterter zu. Längst ist auch nicht mehr nur von vier Regionen die Rede. Nun heißen mögliche Ziele auch Odessa und Charkiw.
Aber in dem Maße, wie auch unser Land erklärtermaßen zum direkten Kriegsteilnehmer wird, wird es auch zum legitimen Kriegsziel. Denn die „roten“ Linien, die der Westen einst selbst markierte, sind allesamt längst überschritten, wenn nicht gar völlig aufgegeben. Im andauernden Versuch, Russland doch „strategisch“ zu (zer)schlagen. Inzwischen gelten aus westlicher Sicht tiefe Schläge der Ukraine in Russland, die mit westlichem Material, know-how und westlicher Zielführung durchgeführt werden, regelrecht als legitim. Die Financial Times berichtete ungeniert, dass die Ukraine ihre Dronenattacken gegen Russland mit US-Unterstützung verwirklicht.
https://www.ft.com/content/13687b48-9e54-44a1-bd4d-600bbc052baf?syn-25a6b1a6=1
Über allem thront die Hoffnung, dass dieses Russland schon fast besiegt und sowieso am Ende sei - politisch, wirtschaftlich und menschlich ausgeblutet. Dank der Ukraine. Alles übrige sei russische Desinformation.
Wollen wir einen großen europäischen Krieg? Die Frage ist fast noch wichtiger als die Frage, ob wir glauben, ihn auch gewinnen zu können. Mit allen Konsequenzen seiner Entartung ins nukleare?
Die Nato, so liest man, will auf ihrem Gipfel der Ukraine den Status eines „Beitragenden“ verleihen. Wozu trägt ein solcher Schritt tatsächlich bei: Zur Erhöhung der Sicherheit der aktuellen Nato oder geht darum, Russland noch mehr zu reizen, noch offener zu konfrontieren, mit der Folge, dass mit jedem Tag die Gefahr wächst, dass dieser Krieg außer Kontrolle gerät? Sind wir dazu willens, von der Tauglichkeit ganz zu schweigen?
Es pfeifen doch die Spatzen von den Dächern, dass die Nato-Arsenale leer sind, das Jammern um eine tiefe Spaltung der Nato sinnentleert ist. Die USA sind hochzufrieden mit ihren europäischen Alliierten. Deren Waffenkäufe sichern aktuell, so Rutte, 195.000 Arbeitsplätze in den USA. Auch die Unterstützung im Krieg gegen den Iran sei substantiell gewesen. Rutte sagte gegenüber der FT, dass das allgemeine Bild ganz positiv sei. Er habe gegenüber dem US-Präsidenten betont, dass sich „Europa” einmal mehr als “eine große Plattform” für die Machtprojektion der Vereinigten Staaten erwiesen habe.
(Im Original: „My argument last week was that Europe again is one big platform of power projection for the United States.“
https://www.ft.com/content/b0e09632-81b9-43ee-881e-f14712c5d7b6?syn-25a6b1a6=1
im berühmten Roman von Orwell, „1984“, schmorte die beschriebene Gesellschaft im eigenen Saft. Trotzdem gab es Widerstand. Was sagt uns das über die heutige Zeit, in der in der EU offiziell geglaubt wird, RT als Sprachrohr Russlands sei eine Quelle des Bösen, also gezielter Desinformation zur Unterminierung des Westens. Die man zensieren muss. Ich lasse beiseite, dass allein die Annahme, dass RT mächtig genug sei, die öffentliche Ordnung und Sicherheit der Europäischen Union zu unterminieren, schon abenteuerlich genug ist, zumal der US-Ableger nicht verboten ist. Ich lasse ebenfalls beiseite, dass das Internet allen die Möglichkeit bietet, Stimmen aus fünf Kontinenten der Welt zuzuhören und sich im Ergebnis ein eigenes Urteil zu bilden. Und dabei geht es nicht nur um „alternative“ Stimmen. Mainstream-Medien im anglo-amerikanischen Raum sind ebenfalls Fundgruben, wenn man der Realität nachspürt, um herauszufinden, „was ist“.
Das vorausgeschickt will ich schon auf das jüngste Urteil des Europäischen Gerichtshofs gegen eine völlig unbedeutende Saarbrücker Webseite und seine Betreiber (wo im Jahr 2023 offenbar 4 Mal RT-Deutsch-Videos publiziert wurden)
aufmerksam machen.
https://infocuria.curia.europa.eu/tabs/document/C/2025/C-0067-25-00000000RP-01-P-01/ARRET/322917-DE-1-html sowie
Rein juristisch betrachtet, ist es womöglich konsequent, auch wenn die EU-Rechtslage extrem weit ausgelegt wurde. Und doch ist es - nach den Sanktionen gegen westliche Journalisten - ein weiterer politischer Offenbarungseid. Für wie allmächtig wird russische (Des)information gehalten? Für wie dumm die eigene Bevölkerung? Ist es das alles wert, dafür die Freiheitsrechte in der EU zu fleddern?
Ein bisschen mehr USA in Fragen der Meinungsfreiheit in der EU wäre nicht nachteilig.
Mir ist schon klar, dass ein Verbot ein Verbot ein Verbot ist. Aber hier wurde ein weiteres Mal mit Kanonen auf Spatzen geschossen. Ist es tatsächlich verhältnismäßig, auch nur anzunehmen, dass eine private Webseite (Reichweite?), mit der Wiedergabe von vier RT-Videos in einem ganzen Jahr, die gleichzeitig etwa 60.000 Euro an Spendengeldern sammelte, geeignet und fähig ist, die Demokratie und Sicherheit in Deutschland oder gar der EU schwer zu beschädigen? Warum kam umgehend die juristische Kavallerie statt freundlicher Ermahnung? Die Website wurde beschlagnahmt, wegen des Verdachts auf „Betreibens einer kriminellen Handelsplattform im Internet“.
Wäre es nicht so weitreichend und folgenreich (auch die freiwilligen Spender machten sich im Verständnis des Generalanwalts strafbar und jedes „alternative“ Medium bzw. jeder private Blogger gilt ihm ebenfalls als hochsuspekt), könnte man es als Treppenwitz der Geschichte abtun.
Inzwischen ist die Hysterie längst klinisch auffällig, mit der sich wahlweise auf Russland, sogenannte „Kreml-Freunde“ und alle anderen sogenannten „Feinde“ der Demokratie gestürzt wird. Immer im Namen der Demokratie. Als wäre es ein Ersatzkrieg. Dem fällt allerdings nicht Russland, sondern die Demokratie zum Opfer.
Ukrainischen Informationen wird dagegen 1:1 geglaubt. Nein, wenn Selenskyj beteuert, dass Kostjantyniwka nicht gefallen sei, dann stimmt das. Die russische Seite lügt - wie immer.
Es sind ja noch etwa 1000 ukrainische Soldaten (laut Military Channel vom 7.7.26) verstreut in der Stadt.
Man kann fast wetten, dass sich nach dem Nato-Gipfel, dann, wenn sich die Ukraine vieler weiterer westlicher Milliarden sicher glaubt, eingeräumt werden wird, dass die verbliebenen ukrainischen Soldaten in Kostjantyniwka auf hoffnungslosem Posten stehen, völlig abgeschnitten von jeder Versorgung, umgeben von tausenden Gefallenen und mit einer russischen Übermacht (5:1) konfrontiert sind. (Quelle: Military Channel vom 7.7.26). Sie sind verstreut in der Trümmerwüste dieser einst hochbefestigten Stadt.
Die Chance einer Feuerpause (MDR berichtete), damit die verbliebenen ukrainischen Soldaten unter Beobachtung internationaler Medien abziehen und ihre Toten mitnehmen können, wurde durch ukrainische Seite ausgeschlagen.
Das Medienbild zählt mehr. So geht das Schlachtfest weiter. Den großen Preis der Kriegslügen zahlen in diesem Krieg die Soldaten im Feld.
Irgendwann wird es womöglich heißen, dass Kostjantyniwka sowieso nie strategisch bedeutsam war und allenfalls zum nächsten Massengrab der russischen Armee wurde. Diese ist dann allerdings längst in Richtung Kramatorsk und Slowyansk weitergezogen, den letzten beiden Hochbefestigungsanlagen der Ukraine. Danach folgt offenes Land….
Wie schade, dass sich Orwells Roman „1984“ nicht auch noch diesen Phänomenen widmen konnte. Wahrscheinlich dachte Orwell, dass sei nun wirklich ein Zuviel an Dystopie.

Danke liebe Petra. Ist sie denn nun schon Fakt, die Änderung des Informationsfreiheitsgesetzes? Gibt es Chancen, sie abzuwenden? Ich sah nur eine Petition - aber was bewegen sie schon.
Ah, die Sonne geht wieder auf am medialen Horizont und wärmt die Gedanken … in ansonsten eisigen Zeiten des öffentlichen Diskurses. (Habermas wäre seit geraumer Zeit in Schockstarre verfallen!)
Dennoch und überall: es geht mir nicht mehr um die Wahrheit, nur noch um die Wirklichkeit! Und, glücklicherweise, gegen die Wirklichkeit kommen die Eliten nicht an, egal ob in Washington, Berlin, London, etc.!